Die Instrumentalisierung der griechischen Frühzeit. Interdependenzen zwischen Epochencharakteristik und politischer Überzeugung bei Ernst Curtius und Jacob Burckhardt

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Staat und Politik sind für Ernst Curtius und Jacob Burckhardt Kategorien, um in ihren einflussreichen Darstellungen der Griechischen Geschichte bzw. Kulturgeschichte die Welt der Geschichte von der Vorgeschichte zu trennen. Innerhalb des Raums der

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  Sonderdruck aus: Griechische Archaik Interne Entwicklungen Externe Impulse Herausgegeben von Robert Rollinger und Christoph UIf @ Akademie Verlag  Gedruck mit Untersttitzung der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck ISBN 3-0s-003681-8 @ Akademie Verlag GmbH, Berlin 2004Das eingesetzte Papier ist alterungsbeständig nach DIN/ISO 9706. Alle Rechte, insbesondere die der Übersetzung in andere Sprachen, vorbe-halten. Kein Teil dieses Buches darf ohne schriftliche Genehmigung des Ver- lages in irgendeiner Form - durch Photokopie, Mikroverfilmung oder irgend-ein anderes Verfahren - reproduziert oder in eine von Maschinen, insbesondere von Datenverarbeitungsmaschinen, verwendbare Sprache übertragen oder über- setzt werden. Druck Druckhaus,,Thomas Müntzer" GmbH, Bad Langensalza Bindung: Norbert Klotz, Jettingen-Scheppach Printed in the Federal Republic of Germany  Chrisroph Ulf Die Instrumentalisierung der griechischenFrühzeit. Interdependenzen zwischen Epochencharakteristikund politischer Uberzeugung bei Ernst Curtius und Jacob Burckhardt.' Der Begriff ,agonal' bzw. Agon, als Opposition zu ,politisch' verstanden, spielt bis in die gegenwärtige Diskussion hinein eine Rolle - und das nicht nur in der Sportgeschichte.2 Die.jüngste mir bekannte Publikation, die ihn offen verwendet, stammt aus dem Jahr 200 I Lrnd trägt den Titel Agon, Logos, Potis. lhr Untertitel The Greek Achievement and its A/iermath3deutet an, daß nicht nur die Polis, sondern auch der Agon als eine (spezifische) griechische Leistung angesehen werden. Die hier durch ,Logos' voneinander getrennten Begriffe bilden ein Gegensatzpaar, das vor allem in der Tradition der deutschen Altertumswissenschaft als der Gegensatz von ,ago- nal' und ,politisch' erscheint. Dieses Begriffspaar steht häufig aber auch hinter dem Bemü-hen, das mit der griechischen Klassik verbundene ,Politische' irn engeren Sinn vorr einern ,vorpolitischen' Denken und Handeln, das für die Archaik charakteristisch sei, abzugren- zen.t Und das firrdet sich keineswegs nur innerhalb der deutschsprachigen Altenumswissen-schaft. Denn der Gegensatz agonal - politisch bildet auch dort den Hintergrund, wenn die Welt der frühen Archaik bzw. der Dark Ages mit einer Phase des Heroischen gleichgesetzt wird. Denn die Rede vonr,,Heroic Age" beinhaltet rneist auch die Vorstellung, daß diese Pe- J 4 Arn Workshop wurden im Vortrag neben E. Curtius und J. Burckhardt auch noch H. Berve. H. Schaef'er und Chr. Meier behandelt. Die ausfiihrliche Analyse des Verhältnisses zwischen diesen Autoren und E. Curtius bzw. J. Burckhardt muß einer eigenen Studie vorbehalten bleiben. Fi.ir die konstrLrktiv-kritischeLektüre danke ich Godehard Kipp und wie schon so oft Robert Rollinger. Vgl. bes. Meier 1980; Meier 1993; Stein-Hölkeskamp 1989; aLrch Hölkeskarnp 2000, I7-43: zum Korr- text der Sportgeschichte vgl. Weiler, 1975: Weiler 198 l.82ti. Zum Zusamurenhang der Vorstellung des Agonalen mit der Idee einer idealisierten griechischen Frühzeit vgl. die ausfiihrlichen wissenschaftsge-schichtlichen Absclnitte bei Bourriot 1995, 13-96. Arnason/Murphy 200I. Der Zeitpunkt des ,Umschlags' vom Vorpolitischen zum Politischen und die Art des Übergangs stellen dabei Diskussior.rspunkte dar; vgl. dazu den Überblick bei Cartledge 1998. In dieser Diskussion herrscht.jedoch weitgehende Übereinstimr.nung, daß .das Politische' der Archaik nicht das Gleiche ist wie ,das Politische' der Klassik. Mit der Einschätzung des gesellschaftlichen Umfeldes der homerischen Epen als .vorstaatlich' verbindet sich die Tendenz, dieser Welt auch ,das Politische' nicht im vollen Ausmaß zu- zugestelren: so z. B. Seafbrd 1994. I 29. bes. 10. 22. 28. oder Spahn 1993. bes. 347. 352f1.  5l Christoph Ul/ riode nach agonalen Prinzipien strukturiert gewesen sei. In dieser Variante findet sich die Polarität ,agonal - politisch' weit über die deutsche Altertumswissenschaft hinaus.5 Für eine solche Charakterisierung der,Epochen'Archaik und Klassik ist natürlich einbestimmtes Verständnis des Begriffs ,politisch' Voraussetzung.6 Es ist jedoch nicht das Ziel dieser Studie, die verwendeten verschiedenen Politik-Begriffe gegeneinander abzuwägen, es geht auch nicht darum zu fragen, ob die archaischen Criechen tatsächlich ,unpolitisch'oder,vorpolitisch' waren. Es soll vielmehr der Blick darauf gerichtet werden, was die Rede von der,unpolitisch-agonalen Archaik' hervorgerufen hat. Die Vorstellung vom ,Agonalen' ist bekanntlich auf Ernst Curtius und Jacob Burckhardtzurückzuführen. Ebenso ist bekannt, daß die Urteile über die Qualitat dieser Vorstellungsehr unterschiedlich ausfielen. Dies hängt damit zusammen, daß keine wissenschaftlicheDarstellung ohne Voraussetzungen unterschiedlicher Art auskommen kann. Unter den not-wendigen Prämissen finden sich im konkreten Fall grundsätzliche Annahmen über den Ab-lauf der Geschichte der Menschheit insgesamt, aus denen unter anderern die große chrono- logische Gliederung abzuleiten ist. Zu diesen Prämissen sind aber auch die fiir die Darstellung konstitutiven Begriffe zu reclinen. Denn in ihnen stecken Annahmen über die Grundelemente, aus denen die menschlichen Gemeinschaften zusammengesetzt sind, und Annahmen darüber, woher die Regeln starlmen, nach denen menschliche Gemeinschaften Haubold 2000, 3fL, macht aul die Selbstverständlichkeit aufmerksam, mit der tiir die im 'fext nicht so bezeichneten Figuren der homerischerr Epen der Ternrinus ,Heros' verwendet wird, ohne daß es hierfiir einen anderen Grund als ein fest verankertes Vorverständrris von dem Text und ,seiner Zeit' gäbe. Dieses Vorverstärrdnis drückt sich in der geläufigen Verwendung von heroic poet4l als Signurr einer (tatsächli- chen bzw. sich selbst oder auclr nur ,ilire Vergangenheit' so stilisierenden) heroischen ,Gesellsclrali' aus. Hier kann nur willkürlich auleinige Beispiele verwiesen werden. Nagy 1979/1999, 7f., ll5fI.. sieht in den Epen die Heroenwelt der Polis in eine Heroenwelt mit panhellenischerr Status trarrsfbrrniert (vgl. demgegenüber das überzeugende Plädoyer von Patzek 1992, 166-171, tiir eine Treunung von aristokrati- scher Welt und dern Heroenkult); bei West 199'7,2. B. 18f., l32fl. 334f., erscheint die heroic poetry alsSignum einer heroischen Zeit und er deckt sich hierin mit Morris 2000, lTlill, nach dessen Auf'fässung der Poet, ausgehend von den aktuellen Erwartungen und Werten, eine heroische Welt darstellt, rvie sie seinsoll.AhnlicheGrundvorstellungenliegenaberauchderRedevoneinern heroiccode zugrunde,wäh- rend die Bestimmung der ,hornerischen Gesellschaft' als ,,warrior culture" einen Spielraum über die Ein-schätzung als ,heroisch' eröffnetl vgl. hierzu van Wees I992, zudenr z. B. auch Schofield 1999. I lü Sieht man diesen Hintergrund liir das Bild einer ,heroischen Phase'. darrn stellt sich nicht nur die Frage nach der (griechischen) Spezilik eines solchen Bildes (problematisiert von Weiler 1974; Weiler 19751 Decker 1979), sondern es ist auch zu fragen, ob nicht auch die die Existenz eirrer solchen Phase generali-sierende Vorstellung einer ,Heldenepik' insgesamt als eirr lvissenschaftliches Konstrukt aul r.vackligenBeinerr ruht; zu letzterem Ulf 2002 und Ulf 2003. Obwohl Cartledge 1998, 386, und Cartledge 2000,2u einer ,vorpolitischen' Welt tendiert, relativiert erdiese Position durch die Berücksichtigung von Raaflaub 2000, bzw. dessen schon früher ähnlich gegebe- nen (Raaflaub 1989. Raaflaub 1993) Hinweis daraul, daß diese Unterscheidung innerhalb ,des Politi- scherr' natürlich mit bestimmten Vorstellungen darüber zusammenhängt, was als .politisch' zu gelten hat. ur-rd daß die Criechen darüber anders gedacht haben konnten, als das in der Cegenrvart getan rvird. Vgl. auch Raaflaub 2001, bes. 73ll'. Raaflaub greifi hier den Cedanken von Flamnrer 2002, aLrf, daß ,das I)oli-tische' keine entwickelte politische Sphäre nrit eben solchen Institutionen braucht. sondern ..can also ex-press itself'through relationslrips and tbrnrs ol'interaction that are essential to a corlnruniLl''s rvcll bcing". Er nähert sich so einem in der Anthropologie geläutrgerr Verständnis von Politik an. Ahnliclr schon Ull 1989 und Ulf 1988. Zum Politikbegrilf allgemein vgl. Sellin 1978; Vollrath 1989; zurn Beharren der An- thropologie/Ethnologie aufder Anweudbarkeit des Politikbegriiß in ihrern Feld z. B. Bargatzky, 1993; Cohen 1996: Vincent 1997.  Die Instrumentalisierung der griechischen Frühzeit 53 ihr Zusammenleben gestalten. Derartige Annahmen zu isolieren, ist nicht nur deshalb von Bedeutung, weil darnit das,Weltbild'eines Autors in essentiellen Teilen erfaßt und be- t'.h.i.b.n werden kann. Das ist aucl.r deshalb von Bedeutung, weil die Art der allgerneir.ren Annahmen wie die der weniger weit reichenden Begriffe mit der jeweils verwendeten Me-thode eng verbunden ist, nach der Geschichte analysiert und dargestellt wird.7 Weil weder die Wahl der allgemeinen Annahmen noch die der Begriffe und somit auch der Methode ein völli§ ffeies Spiel ist, sondern mit der (wissenschaftlichen) Sozialisation eines Autors in en- ger Verbindung steht, gelangen in den wissenschaftlichen Text auch bestimmte Vorstellun- gen darüber, was ,Politik' ist - aber nicht nur, was ,Politik' ist, sondern auch, was ,Politik' sein soll. Daraus folgt, daß in die historische Darstellung auch Vorstellungen darüber gelan- gen, was in der eigenen Welt des Autors politisch wünschenswert ist. Die genannten Zu- sammenhänge so weit wie möglich transparent zu machen, ist das Anliegen der folgendenÜberlegungen. I. Der Gedanke des Wettkampfs bei Ernst Curtius Die Griechische Geschichle von Ernst Curtius8 hatte rasch großen Anklang gefunden. Der erste Band erschien im Jahr 1857 zum ersten Mal, die sechste Auflage im Jahr 1887. Dann wurde es beinahe schlagartig ruhig um Curtius, obwohl er durch Textveränderungen auf diegeäußerte Kritik reagiert hatte. Dies steht in einem oft schon festgestellten Kontrast zur un- ter denselben Vorgaben des Verlags abgefaßten Römischen Geschichte von TheodorMommsen. Doch scheint Curtius' Griechische Geschichte nach dem Ersten Weltkrieg im KIima einer neu geforderten lrrationalität wieder intensiv gelesen worden zu sein.e Dieser Ablauf ist kein Zufall. Die Griechische Geschichte von Curtius war von retrospektiven Grundsätzen geleitet und konnte so - obwohl sie anders gemeint war dem Leser im ausge- henden 19. Jahrhundert, in der Zeit des unübersehbaren Wandels, hervorgerufen durch Indu- strialisierung und Imperialismus, kaum mehr befriedigende Assoziationsmöglichkeiten zu den eigenen aktuellen Fragen und Problemen bieten.l0 Eben dieser BIick nach rückwäftsgewann im Klima nach dem ersten Weltkrieg wieder an Bedeutung." Urn die Richtigkeit dieser These zu erweisen, ist ein Ausgreifen weit über die Begriffe ,agonal' und ,politisch' hinaus nötig. 7 Den Zusammenhang der zur Deskription eines Sachverhalts benötigten Begriife n-rit denjer-rigen, die zur Erklärung desselben Sachverhalts herangezogen werden, beleuchtet präzise und urrfässerrd Achaur 1982 und bezeichnet ihn prägnant als ,,deskriptiv-explikativen Zirkel". 8 Zu Ernst Curtius vgl. Christ 1989,68-83 (mit Lit.); Christ 1999.32-42: auch die Zusarrmenschau von Bachhiesl 200 I . 9 Sie scheint nicht nur indirekt über J. Burckhardt Einfluß ausgeübt zu haben. Vieles bei Hehnut Berve klingt ganz offen nach Ernst Curtius; vgl. unten Anm. 35. Die Rönrische Geschichte von TheodorMommsen war in dieser Hinsicht völlig anders konzipiert, was iluen anhaltenden Erfolg zu erklärenvermag. Vgl. hierzu Christ 1982. l0 Vgl. Glaser 1993,134f. I I Vgl. Flashar 1995: Näf 2001.
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